Eine Reise wert – die Kulturhauptstädte Europas 2016

Gemessen an der hohen Regionen- und Kulturdichte könnte man meinen, in Europa gingen die Reiseziele niemals aus. Ob bewährte Touristenattraktionen oder unbekanntere Gegenden: Unzählige Orte mit individuellem Charakter und jeweils landestypischen Flair laden dazu ein, entdeckt zu werden. Um die Auswahl zu erleichtern, erhebt glücklicherweise ein europaweites Programm jedes Jahr einzelne Vertreter auf das Podest der Haupt-Stadt, indem es deren Kultur und Außenwahrnehmung explizit fördert. Wer steht eigentlich im kommenden Jahr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wer ist 2016 „Kulturhauptstadt Europa“? Hier finden Sie eine kleine Quelle der Inspiration für Kurztrips oder Kulturreisen, die 2016 ganz sicher „in“ sein werden.

Hauptstädte auf Zeit – San Sebastián und Breslau

Die Krone als „Kulturhauptstadt Europa“ tragen im Jahr 2016 das im spanischen Baskenland angesiedelte San Sebastián und die polnische Stadt Breslau. Mit dieser Auswahl lässt sich ein wichtiges Prinzip erkennen, das die nunmehr 30-jährige Initiative verfolgt: So sollen neben den ursprünglichen EU-Ländern mittlerweile auch jüngere Mitgliedsstaaten in Mittel- und Osteuropa beziehungsweise in Zukunft sogar EU-Anwärter jährlich im Programm vertreten sein. Denn der Status als Kulturhauptstadt beschert den bislang über 50 ausgewählten Städten auch über die Dauer der offiziellen Titelträgerschaft hinaus einen großen Gewinn nicht nur finanzieller Art.

Gerade bei unbekannteren Orten gilt die Auszeichnung als Katalysator für kulturelle wie auch für strukturelle und wirtschaftliche Stadtentwicklung. Dies kommt der lokalen Kulturszene zugute, zieht nationalen und internationalen Tourismus an und liefert dazu noch einen gesteigerten Identifikationsfaktor für die Bewohner selbst. Daher wundert es nicht, dass der Titel nicht nur wegen der monetären Förderung heiß begehrt ist. Das komplexe Auswahlverfahren haben Spanien und Polen samt ihren beiden Vertreterstädten nun längst überstanden. In den nächsten Monaten laufen die letzten Vorbereitungen, bevor sich mit dem Jahreswechsel der Vorhang für ein außergewöhnliches Kulturprogramm hebt.

Eine Perle in Spaniens Norden – San Sebastián / Donostia

Die nordspanische Stadt San Sebastián ist längst kein Geheimtipp mehr. Die gesamte Region des Baskenlandes und ihr Paradebeispiel kultureller Stadtentwicklung, Bilbao, haben sich mittlerweile zu beliebten Zielen für einen Kurzurlaub beziehungsweise für eine Städtereise innerhalb Europas entwickelt. Der von Kontrasten geprägte Landstrich am Golf von Biskaya hat einen ganz eigenen Charakter, der in dieser Form unvergleichlich ist. San Sebastián, in Baskisch: Donostia, gilt als die Perle der Region, wenn nicht sogar ganz Spaniens. Um die Austragung des Kulturjahres konkurrierte Donostia landesweit mit 14 weiteren Bewerberstädten. Die Erfüllung bestimmter Kriterien, wie ein Kulturprogramm mit starker europäischer Dimension zu bieten und die Partizipation von Bürgern aus dem In- und Umland, führte letztendlich dazu, dass die Stadt an der Muschelbucht das Rennen machte.

San Sebastián / Donostia © Sofia Henriques / FreeImages.com

San Sebastián / Donostia © Sofia Henriques / FreeImages.com

Gerade der Aspekt der Bürgerbeteiligung bildet einen wichtigen Teil innerhalb der Agenda von San Sebastián als Kulturhauptstadt 2016. Mit dem Projekt „Waves of Energy“ fördert der Ort den Input seiner Bürger und lässt sie aktiv an der Gestaltung des Kulturjahres teilnehmen. Die Stadt wird als ein Netzwerk aus Menschen verstanden, Bürger und Non-Profit-Gruppen sind aufgefordert, bezuschusste Projekte zu entwickeln, die das Zusammenleben nachhaltig fördern. Darüber hinaus teilt der Austragungsort sein Programm in einzelne thematische Sparten auf, sogenannte „Leuchttürme“: Mit politisch-historischen Themen beschäftigt sich das „Lighthouse of Peace“, mit gesellschaftlich-urbanen Themen das „Lighthouse of Life“ und schließlich setzt das „Lighthouse of Voices“ auf kommunikativen, kulturellen Ausdruck in Form von Theater, Film, Literatur, Musik und bildender Kunst. Dieses Konzept bringt eine Reihe von Veranstaltungen und Projekten hervor, die „DSS2016EU“ – so das Kürzel der Kulturhauptstadt auf Zeit – bereits jetzt auf die Beine stellt. Der Zeitpunkt für einen Kurztrip nach San Sebastián wird im kommenden Jahr also immer passend gewählt sein.

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Eine Brücke in der Mitte Europas – Breslau / Wrocław

Nach Krakau im Jahr 2000 ist Breslau inzwischen die zweite polnische Stadt, die sich auf der europäischen Bühne als Kulturhauptstadt präsentieren darf. Auch mit diesem Standort wird ein besonderes Ziel des Programms hervorgehoben: Es soll den europäischen Gedanken stärken und das gemeinsame kulturelle Erbe betonen. Die bewegte Geschichte der Großstadt an der Oder und Hauptstadt der Region Schlesien führte zu einer einzigartigen Entwicklung, die heute unter anderem in einer jungen und aufstrebenden Bevölkerungsstruktur mündet und den Ort bereits zu einem repräsentativen Kulturzentrum in Mitteleuropa gemacht hat. Die historische, rekonstruierte Altstadt, Museen, Restaurants und ein reges Studenten- und Nachtleben ziehen jetzt schon und über die Landesgrenzen hinaus Besucher für einen Städtetrip an.

Im Jahr 2016 will die Stadt Breslau ihre einzigartige Identität als Ort des Dialogs und der Begegnung von Kulturen hervorheben. Über 500 Veranstaltungen in Form von Kunstevents, Ausstellungen, Festivals, Konzerte und Open-Air-Vorstellungen sind unter dem Motto „Wrocław ESK 2016“ geplant, darüber hinaus soll auch hier die Partizipation von Einheimischen wie auch Besuchern eine besondere Rolle spielen. Es lohnt sich also einmal mehr, rechtzeitig die konkrete Agenda in den Blick zu nehmen und einen Kulturtrip in diese temporäre Haupt-Stadt Europas zu unternehmen.

Rathaus von Breslau im gotischen Stil © Krzysztof (Kriss) Szkurlatowski / FreeImages.com

Rathaus von Breslau im gotischen Stil © Krzysztof (Kriss) Szkurlatowski / FreeImages.com

Der Weg zur Kulturhauptstadt

Für das mittlerweile sehr prestigeträchtige und beliebte europaweite Programm ist maßgeblich eine bekannte Persönlichkeit verantwortlich. Die damalige griechische Kulturministerin Melina Mercouri initiierte 1985 die Aktion, worauf der Ministerrat im selben Jahr Athen den Status als erste „Kulturstadt Europas“ erteilte. Nach einem Beschluss des Europäischen Parlaments und des Rates der Europäischen Gemeinschaft im Jahr 1999 trägt das Programm seinen aktuellen Namen „Kulturhauptstadt“ und betont dadurch einmal mehr die Wichtigkeit der Aktion und das Potential für die austragenden Orte. Weitere Modifikationen der Ursprungsidee führten im Lauf der Zeit zu einem Regelwerk, das einen klaren Weg definiert, wie eine europäische Stadt einmalig und für die Dauer von einem Jahr Titelträgerin werden kann und mit Fördergeldern für die Realisierung der Veranstaltungen unterstützt wird. So ist bereits bis zum Jahr 2033 die Reihenfolge der Länder festgelegt, die in eigenem Auswahlverfahren eine Vertreterstadt nominieren dürfen. Die Europäische Kommission setzt dazu jedes Jahr eine unabhängige Jury zusammen, die anhand definierter Evaluierungskriterien die am besten geeignete Stadt auswählen soll.

Blick nach vorn: Dresden oder Nürnberg 2025?

Nach West-Berlin im Jahr 1988 und Weimar im Jahr 1999 durften für Deutschland zuletzt 2010 die Stadt Essen und das Ruhrgebiet den begehrten Titel tragen. Im vergangenen Jahr waren es Riga und Umea (2014) und aktuell tragen Mons und Pilsen (2015) den Titel. Spannend ist hier der Blick nach vorne. Denn das nächste Mal, dass hierzulande eine Kulturhauptstadt gekürt wird, ist im Jahr 2025 und bereits jetzt stehen Dresden und die Metropolregion Nürnberg als Anwärter fest. Wer lieber in die nahe Zukunft blickt, kann sich von dieser Liste der bereits ernannten Kulturhauptstädte bis 2019 zu einem Kurzurlaub inspirieren lassen:

  • 2017: Aarhus, Dänemark und Paphos, Zypern
  • 2018: Leeuwarden, Niederlande und Valletta, Malta
  • 2019: Matera, Italien und Plowdiw, Bulgarien

… auch dies wiederum eher unbekannte Vertreter aus der unerschöpflichen Quelle an Reisezielen in Europa.

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