Kreuzfahrtreisen – Von der Verlegenheitslösung zur sprudelnden Einnahmequelle

Die Anfänge der Kreuzfahrt

Zur Zeit, als Passagiere zur weltweit ersten Vergnügungsreise per Schiff in See stachen, war an solch Entertainment-lastige, immer neue Superlative gebärende Hochsee-Kolosse wie die „Harmony of the Seas“ noch nicht zu denken. Vielmehr waren es wohl die finanziellen Verluste einer Reederei, aus denen als Lösung die heute so beliebten und lukrativen Schiffstouren hervorgingen.

Die Passagier-Dampfschifffahrt als Kreuzfahrt-Vorläufer

Bevor die Idee aufkam, sich zur reinen Belustigung auf die Weltmeere zu begeben, fanden weite, einen ganzen Ozean querende Schiffsfahrten vor allem auf den Transatlantik-Routen von Europa nach Amerika statt. Seit 1840 beförderte die „British and North American Royal Mail Steam-Packet Company“ (später Cunard Line) zunächst Post und bald darauf auch Passagiere zu geschäftlichen Terminen, Familienbesuchen oder zum Start in ein ganz neues Leben von Liverpool nach Boston und Halifax. Dem Beispiel der britischen Reederei folgten ab 1847 auch die „Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft“ (kurz Hapag) und ab 1857 der „Norddeutsche Lloyd“, welche Briefe und Postsachen, Geschäftsreisende und Emigranten von Hamburg und Bremen nach New York brachten.

Bei den frühen Überfahrten ging es vor allem darum, möglichst viele Passagiere in möglichst kurzer Zeit nach Übersee zu bringen. Die Beengtheit in kleinen Kabinen, das Fehlen von Sanitäranlagen und eine dramatische, den schlechten hygienischen Zuständen geschuldete Ausbreitung von Krankheiten waren dabei an der Tagesordnung; zumindest bei jenen Auswanderern, die nicht wie die Passagiere der höheren Klassen logierten und denen daher kein Komfort geboten wurde, wie er großen Hotels dieser Epoche eigen war. Eine der ersten Schifffahrtsgesellschaften, die die Passagiere weniger als Fracht, sondern eher als Kunden betrachtete und daher auch in den berüchtigten Zwischendecks für Annehmlichkeiten sorgte, war die Hapag. Die Bequemlichkeit und der Service, welche die Gesellschaft auf ihren Spitzenschnelldampfern anbot, ließ sie zu einer der führenden Reedereien im Nordatlantik-Geschäft aufsteigen.

Wer initiierte die erste Kreuzfahrtreise?

So erfolgreich die Hamburger Reederei in der Sommersaison mit dem transatlantischen Linienverkehr auch sein mochte, im Winter war regelmäßig Schluss damit. Denn es wollten sich kaum Passagiere finden, die den unberechenbaren Atlantik zu dieser Jahreszeit überqueren wollten. Ein lukratives Geschäft wurde somit zuverlässig von starken finanziellen Einbußen abgelöst. Um nicht alle Schiffe im Winter ungenutzt im Hafen liegen lassen und statt der Ticketeinnahmen Ausgaben für Wartung und Instandhaltung verbuchen zu müssen, kam Hapag-Direktor Albert Ballin 1890 auf die entscheidende Idee. Er schickte seine „Augusta Victoria“, einen Doppelschrauben-Schnelldampfer, im darauffolgenden Jahr mit 241 gutbetuchten Gästen auf eine 57tägige Seereise in den Orient, die nur einem einzigen Zweck diente: dem Vergnügen.

Nicht wenige Menschen sehen in diesem Coup Ballins den Anfang der Geschichte der Kreuzfahrt. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass die britische „Peninsular and Oriental Navigation Company“ (P&Q) schon 1844 eine Lustfahrt veranstaltet hatte, bei der verschiedene Häfen angelaufen worden waren. An dieser Vergnügungsreise zur See waren mehrere Schiffe beteiligt. 1882 schickte P&Q jedoch auch die umgebaute „Ceylon“, die zuvor 20 Jahre lang als Liniendampfer fungiert hatte, auf Lustfahrten nach Norwegen und ins Mittelmeer. Und die Küstenreedereien der Norweger schifften ab den frühen 1880er Jahren Sommertouristen zum Nordkap, während „The North Company“ aus dem schottischen Aberdeen mit der „St. Sunniva“ 1887 bereits ein Schiff baute, das nur für sommerliche Vergnügungsfahrten eingesetzt wurde.

Das erste Kreuzfahrt-Angebot der Hamburger Hapag entsprang also vermutlich weniger einer genialen Idee Albert Ballins als vielmehr dessen genauer Beobachtung des internationalen Marktes und dessen Gespür für einen profitablen Geschäftszweig. Mit seiner 1891 veranstalteten Kreuzfahrt, bei der er selbst mit an Bord war, kann er aber durchaus als zentrale Gestalt der Entwicklung der Luxuskreuzfahrt im heutigen Sinne und als Begründer dieser Reiseform in Deutschland gelten.

Die erste Luxuskreuzfahrt

Unter den 241 Passagieren, die am 22. Januar 1891 mit der „Augusta Victoria“ von Cuxhaven in Richtung Orient aufbrachen, waren 174 Herren und 67 Damen der besseren deutschen, britischen und amerikanischen Gesellschaft. Anlandungen in Southampton, Gibraltar, Athen, Alexandria, Malta und Lissabon standen auf dem Programm und teilweise mehrtägige Landausflüge, unter anderem zu den Ausgrabungen von Pompeji oder zu den Pyramiden von Gizeh, sorgten für Abwechslung. Zudem waren 245 bestens geschulte Besatzungsmitglieder zum großen Teil dafür da, den Schiffsreisenden den Aufenthalt an Bord so angenehm wie möglich zu machen. Für Fünfuhrtees, Gala-Abende und reichliches Schwelgen in Austern, Kaviar und Champagner hatte Ballin ebenso gesorgt wie für eine Bordzeitung, die Essenszeiten und Veranstaltungen ankündigte und die Präsenz eines Arztes, der Unpässlichkeiten nach Festschmaus und Tanzvergnügung kurierte. Das alles hatte natürlich seinen Preis. Die Kosten für die weltweit erste (Luxus-)Kreuzfahrt im schwimmenden Rokokopalast mit ausreichend Platz und Betreuung für jeden Gast waren zwischen 1.600 und 2.400 Goldmark angesiedelt und beliefen sich damit etwa auf das doppelte oder gar dreifache Jahreseinkommen eines einfachen Arbeiters.

Vom kriegsbedingten Kreuzfahrt-Ende bis zum „Love Boat“-Aufschwung

Bei der ersten Fahrt der „Augusta Victoria“ blieb es nicht. Der Erfolg dieser Tour und weiterer Schiffsurlaube führte vielmehr dazu, dass die Hamburger Reederei ihr Angebot um Ziele im Mittelmeer, in Skandinavien und in Westindien (heutige Karibik) erweiterte und im Jahr 1900 mit der „Prinzessin Victoria Louise“ das erste von vornherein für Luxuskreuzfahrten vorgesehene Schiff bauen ließ. Während danach unter anderem auch die Bremer Reederei (Norddeutscher Lloyd) und die britische Cunard Line in das exklusive Business einstiegen, setzte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Kreuzfahrtreisen ein vorläufiges Ende.

Nach dem Krieg war an vergnügliche Schiffstouren zunächst nicht zu denken. In den 20er und 30er Jahren gelang es den deutschen Reedern jedoch, an den einstigen Erfolg im internationalen Kreuzfahrt-Geschäft anzuknüpfen. Allerdings wurde die besondere Form des Urlaubs zur Zeit des Nationalsozialismus zunehmend für Propaganda-Zwecke missbraucht. Das Regime ermöglichte auch der einfachen Bevölkerung die Luxusfahrten. Einerseits fungierten die eigentlich unerreichbar teuren Traumreisen als Belohnung für engagierte Arbeiter und als Ansporn für diejenigen, die sich dieselbe Vergünstigung sichern wollten. Andererseits wurden die Preise für Kreuzfahrtreisen mit NS-Traumschiffen wie der „Wilhelm Gustloff“ bewusst niedrig gehalten, um zu vermitteln, dass jeder alles erreichen könne.

Mitte des 20. Jahrhunderts und nachdem viele große Passagierschiffe während des Zweiten Weltkriegs als Lazarette oder Fluchtschiffe gedient hatten und einige versenkt worden waren, war bereits absehbar, dass die Linienschifffahrt vom Linienflugverkehr abgelöst werden würde. Daher griffen die Reedereien, deren Schiffe auf den Transatlantik-Routen zunehmend leer blieben, verstärkt auf das einst erfolgreiche Konzept der Vergnügungsreise per Schiff zurück. Besonders in den 60er Jahren konnten sich die Schifffahrtsgesellschaften wieder über gut gebuchte Kreuzfahrtdampfer freuen. Verantwortlich dafür waren verschiedene Faktoren wie der wirtschaftliche Aufschwung und – was Deutschland anbelangt – die zunehmende Freizeit und gesteigerte finanzielle Kraft der Menschen durch die Einführung von Bundesurlaubsgesetz und Urlaubsgeld, was auch den Tourismus positiv beeinflusste. Zu den Ursachen für die Tourismusentwicklung, die auch auf den Kreuzfahrttourismus zutreffen, können Sie alles Wissenswerte in unserem Beitrag „Deutschland reist – die Entwicklung des Flugtourismus“ nachlesen.

Die 70er Jahre verliefen für die Schifffahrtsgesellschaften ebenso erfolgreich. Dies war zu einem Teil Fernsehproduktionen zu verdanken. Durch das „Love Boat“, eine ab 1977 ausgestrahlte US-amerikanische Serie, und durch „Das Traumschiff“, den seit 1981 durch die Weltmeere schippernden Dauerkreuzer des ZDF, wurden bei vielen potenziellen Kreuzfahrern Sehnsüchte nach fremdländischen Destinationen und nach dem von Eisbomben mit Wunderkerzen gekrönten Luxusleben an Bord geweckt. Diese Sehnsüchte veranlassten manchen Serienfan dazu, eine Kreuzfahrt zu buchen. Noch immer waren es jedoch vorwiegend wohlhabende Urlauber, die sich den Genuss einer Kreuzfahrtreise gönnten.

Kreuzfahrt-Boom und Konkurrenzkampf bis heute

Kreuzfahrtschiff: Costa Favolosa © pixabay

Für einen größeren Teil der Bevölkerung wurden die Schiffsreisen in den 80er Jahren erschwinglich, als erstmals Touren im mittleren Preissegment angeboten wurden. Eine Parallele zur Entwicklung im Linienflugverkehr ist nicht zu leugnen. Immerhin wurden Ende der 80er Jahre auf den Flugrouten ermäßigte Tarife eingeführt, welche die Reedereien veranlasst haben dürften, die eigene Preispolitik zu überdenken und ihrerseits den eigenen Kundenkreis zu erweitern. Aufgrund der gesunkenen Preise stieg die Nachfrage nach den exquisiten Seereisen an.

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Das wachsende Interesse wiederum rief ab den 90er Jahren immer mehr Kreuzfahrtanbieter auf den Plan, was etwas mehr als hundert Jahre nach der mutmaßlich ersten deutschen Kreuzfahrt der „Augusta Victoria“ zu einem wahren Boom der Vergnügungsschifffahrt führte, der bis heute anhält. AIDA Cruises, Costa Kreuzfahrten, Mein Schiff (Tui Cruises) und MSC Kreuzfahrten haben das Reisen per Schiff in Deutschland populär gemacht und konkurrieren mit vielen weiteren internationalen Anbietern mittels immer günstigerer Angebote und immer mehr zusätzlichen Vergnügungen an Bord um Kreuzfahrtgäste.

Auf hoher See mit AIDA © pixabay

Die große Konkurrenz wiederum erfordert viele Ideen, um immer mehr Schiffe, die immer mehr Passagiere transportieren können, auszulasten. Neben speziellen Angeboten an Bord, die vor allem dann wichtig sind, wenn die Kreuzfahrer auf Reisen mit langen Transferpassagen bei Laune gehalten werden müssen, sollen besonders Themenkreuzfahrten Seereisende ansprechen. Die Annahme, dass ein Schiffsurlaub, den man mit Gleichgesinnten verbringen kann, zusätzlich zu den Vergnügungen an Bord und zu den exotischen Reisezielen noch mehr Anziehungskraft ausübt, liegt nahe. Daher werden unter anderem Metal-, Strick-, FKK-, Golf- oder Star-Trek- Kreuzfahrten angeboten, die sich tatsächlich großer Beliebtheit erfreuen.

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Der Wandel der Zeit

Von der Zeit, in der vermögende Herrschaften, die der festen Kleiderordnung bei der ersten deutschen Kreuzfahrtreise gemäß in Anzug und Krawatte sowie im eleganten Kleid zum Fünf-Uhr-Tee erschienen, bis heute, wenn normalverdienende Leute in Stormtrooper-Montur oder gar nackt auf dem Pooldeck flanieren, hat sich einiges verändert. Und neben den heutigen Kreuzfahrtgästen haben auch die schwimmenden Hotels nicht mehr viel mit dem ersten Doppelschrauben-Schnelldampfer mit seinem Platzangebot für rund 500 Menschen gemein. Heute werden immer neue Superlative hervorgebracht. Bleibt abzuwarten, wann und wie der „Harmony of the Seas“ der Rang als größtes Kreuzfahrtschiff der Welt abgeschippert wird.

Kategorie des Beitrags: Flug & Urlaubtipps, Veröffentlicht von: Redaktion Fluggastberatung